Leseprobe aus dem Kapitel:„ Treu bis zur letzten Stunde - die Freiwilligen"

 Der Generalstabschef der Tiroler Landesverteidigung, der damalige Major und spätere Oberstleutnant Rudolf Pfersmann von Eichthal, berichtet in einem Bericht unter dem Titel „Vom stillen Heldentum eines Volkes" über die Ausrückung:
Wie das geräuschlose Ablaufen eines Präzisionswerkes ... spielte sich nun die Aufbietung des Tiroler Heerbanns ab.

 Noch am Nachmittag des 18. Mai drang die Kunde von dem kaiserlichen Alarmbefehl hinaus zu allen Abschnitts- und Unterabschnittskommandos. Diese verständigten durch den Draht die Führer der Standschützen-Bataillone, diese wieder ihre Kompanien, die Kompanien ihre Zugskommandanten.
 Das schwierigste war nun die Verständigung der einzelnen Schützen, der 40.000 Mann, die zerstreut im ganzen Lande, in Städten, Märkten, Dörfern, Weilern, einzelnen Gehöften, in weltabgeschiedenen Tälern, auf schwer zugänglichen Berghängen und auf Jochen hausten. Leicht war es in den geschlossenen Ortschaften, die Leute zusammenzutrommeln. Fuhrwerke, Reiter, Radfahrer jagten nach einem genau vorgesehenen Plan von Dorf zu Dorf, Boten mit Laufzetteln gingen von Haus zu Haus, ganz wie zu Hofers Zeit, durch die Dorfgassen schmetterten die Hörner das Alarmsignal.

 Schwerer war es schon, die weitentlegenen, zerstreuten Gemeinden in den Hochtälern zu verständigen. Da gellten dann die Kirchenglocken, Sturm läutend von Turm zu Turm, Böllerschüsse dröhnten durch stille Täler, die Schützen der einsamen Höfe zu den Waffen rufend. Und die den Ruf der Glocken, das Dröhnen der Böller nicht hörten, die sahen bei einbrechender Abenddämmerung des 18. Mai 1915 das Glühen der Höhenfeuer, die das verabredete Signal für den Tiroler Heerbann waren.
 Wie sie es alle vernommen, jeder einzelne der treuen Tiroler Schützen, wie die Kunde von Berg zu Berg, von Tal zu Tal, Haus zu Haus flog, mit so verblüffender Schnelligkeit, einem Föhnstoß gleich, der das Land überfällt, davon werden in späterer, besserer Zeit einmal die Heldenbücher erzählen. Genug daran, daß noch in der Nacht zum 19. Mai 40.000 Standschützen wußten, daß der alte Ruf an sie erging, wie anno 1809:
                                  
Jetzt ist's Zeit!
Sogleich zogen die Schützen ihre neuen Uniformen, geschmückt mit dem Tiroler Adler und dem Wappen Vorarlbergs, an, packten fünftägigen Mundvorrat in den Rucksack, nahmen von Weib und Kind, Haus und Hof Abschied, schulterten das Gewehr und machten sich auf den Weg zu ihren Schießständen.

 Der 19. Mai, ein banger regenschwerer Föhntag, fand Tirol und Vorarlberg als einen wimmelnden Ameisenhaufen. In allen Orten, vom größten bis zum kleinsten, von Kufstein bis Ala, von Feldkirch bis Lienz, sammelten sich die Standschützen um die Gemeindeschießstände. Manche fröhlich, weinselig, manche, die ahnen mochten, daß sie ihr heimatliches Tal zum letzten Mal sahen, ernst und still. Alle aber erfüllt von heiliger Begeisterung und verbissener Wut gegen die verdammten ,Wallischen`, deren Verrat all die Tausende zwang, von Haus und Hof zu gehen, sich an die Grenze zu stellen.

 Die Tage der Mobilisierung vom August 1914 schienen wiedergekehrt. Nur waren die, die jetzt der Kaiser rief, nicht mehr die prachtvollen, jugendfrischen, kraftstrotzenden Gestalten wie damals. Die lagen wohl meist schon unter dem galizischen Sand, der Rest stürmte eben jetzt hinter den weichenden Russen her. Die hier zu den Fahnen eilten, waren betagte Männer und bartlose Knaben, das Letzte, was Tirol herzugeben hatte.

 An diesem 19. Mai leerten sich die Häuser und Gehöfte des Landes. Zurück blieben Weiber, hilflose Greise und kleine Kinder.
 Die Mittelschulen schlossen, Professoren und Schüler traten einträchtig nebeneinander in die Front der Standschützen züge, die sich an diesem Tage bei den Gemeindeschießständen formierten ...
 Der Morgen des 20. Mai fand die Südwestfront schon bis an die Zähne bewaffnet. Die italienischen Posten, die an diesem Morgen über die Grenze schielten, sahen überall das Blitzen von Waffen ... Die Gewehrvormeister lagen an den Maschinengewehrscharten, die Artilleriebeobachter saßen am Fernrohr, die Bedienungen standen beim geladenen Geschütz.
Alles aber spähte in die Ferne, dorthin, wo jeden Augenblick von der Grenze her das Langerwartete, Unheimliche, der Schall des ersten Kanonenschusses erdröhnen konnte.
Aber alles blieb still, nichts rührte sich.

 Im Lande aber herrschte fieberhaftes Treiben. Alle Ortschaften, die vor oder zunächst der Widerstandslinie lagen, wurden geräumt. Unter lautem Schreien und Jammern im welschen Landesteil, still und gefaßt in den den deutschen Ortschaften, nahmen die Flüchtlinge von Haus und Hof Abschied. Auf hochbepackten Karren, schwer dahinschwankenden Leiterwagen, in endlosen trübseligen Zügen strebten sie der Einladestation zu, wo bereits die Züge unter Dampf standen, die sie in die Verbannung nach Oberösterreich oder Salzburg bringen sollten. Traurig blickten die Heimatlosen auf die verlassene Scholle zurück, laut wehklagend und jammernd, wenn hinter ihnen ihr Haus in Flammen aufging oder der geliebte Weinberg, der kostbare Olivengarten unter den Äxten der Befestigungsarbeiter niederbrach ..."